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Besuch des Deutschseminars an der Mittelschule Gaustadt

Zum Abschluss ihrer Ausbildung am Dientzenhofer-Gymnasium besuchten sechs Referendare des Deutschseminars die Mittelschule Gaustadt 31. 1. 2018, um einen Einblick in neue Unterrichtsformen zu gewinnen und die pädagogischen Herausforderungen an der Mittelschule kennen zu lernen. Nicht nur deshalb, weil in Zeiten knapper Stellen an den Gymnasien viele Referendare am Ende ihrer Ausbildung die Umschulung auf das Lehramt für Mittelschulen auf sich nehmen. Sondern auch, weil Übergänge zwischen den Schularten in den letzten Jahren erfreulicherweise viel flexibler geworden sind und Gymnasiallehrer wissen müssen, wie an den anderen Schularten gearbeitet wird, um Schüler und Eltern besser beraten zu können. Unsere Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Zuerst stellte uns Frau Makowsky-Scheller in ihrer fünften Klasse zwei Stunden Freiarbeit vor: Die Schüler konnten selbst entscheiden, wo sie Übungsbedarf haben, ob sie in Mathematik die Primzahlen üben, in Erdkunde die Zuordnung von Flaggen und Ländern, sich in Biologie über Wölfe informieren oder in Deutsch in die Bestimmung der Wortarten vertiefen. Das riesige, gemütlich eingerichtete Klassenzimmer für gerade einmal 17 Schülerinnen und Schüler, die Fülle an interessanten, pfiffigen und oft liebevoll selbst erstellten Materialien, die ruhige konzentrierte Arbeitsatmosphäre sowie der vertrauensvoll entspannte Umgang zwischen Lehrerin, Lernbegleiterin und Schülern wirkten wie eine Oase. Eine unbekannte Welt tat sich auf für die Gymnasiallehrer, die an die Hektik des 45 Minuten Stundentaktes, Klassenzimmerwechsel vom Alt- zum Neubau, das Herumschleppen von schweren Schultaschen und große Klassen mit immer neuen Schülern gewohnt sind. Dass in Gaustadt intensiv und auf beachtlichem Niveau gearbeitet wurde, davon konnten einige von uns sich in einem kleinen Mathewettbewerb mit den Mittelschülern selbst überzeugen (wir hatten keine Chance). Anschließend unterstützten wir Frau Pelikan bei ihrer Arbeit in der Übergangsklasse für Jugendliche, die ohne Deutschkenntnisse nach Bamberg gekommen sind. Mit großer Ernsthaftigkeit, aber auch viel Empathie und Humor bemühten sich Lehrerin und die Schüler unterschiedlicher Altersklassen aus allen Teilen der Welt um die deutsche Sprache – eine riesige Herausforderung, wenn man die Schicksale der unbegleiteten Flüchtlinge bedenkt, von denen einige im oft jahrelangen Aufenthalt in Flüchtlingslagern keinerlei Unterricht genießen (sic!) konnten und sich allein in einem völlig fremden Land, dessen Sprache und Schrift sie nicht kennen, zurechtfinden müssen. Da wirkten dann die vielen vorschnellen Lösungen, die durch Politik und Presse geistern, auf einmal schal und realitätsfern. Anschließend entführte uns Frau Makowski in den Ozean der Montessori Pädagogik: Mit verschiedenen Schiffen – jedes repräsentierte eine andere Zeitform eines Verbs ging es darum, an der richtigen Insel anzulegen. Der Seminarlehrer, der in seiner fünften Klasse gerade selbst mit den Tempora des Verbs kämpft, war beeindruckt von der Sicherheit der Mittelschüler bei der Bestimmung auch schwieriger Formen wie Plusquamperfekt und Futur II. Dieser Ansatz, der die Eigenaktivität der Schüler und das sinnliche Lernen in den Mittelpunkt stellt, ist eine Besonderheit an der Mittelschule Gaustadt, der konsequent über die verschiedenen Jahrgangsstufen hinweg verfolgt wird und so kontinuierliches Lernen ermöglicht. In der abschließenden Gesprächsrunde mit den Lehrkräften zu Kaffee und einem hervorragenden, von den Schülern selbst gebackenen Kuchen konnten wir uns noch einmal von dem großen Engagement der Lehrerinnen für ihre Schule und ihre Schüler überzeugen. Die anfangs vorhandene Skepsis bei dem einen oder anderem Referendar gegenüber der Mittelschule war am Ende eines intensiven Hospitationstages jedenfalls wie weggeblasen.

Dr. Ulrich Steckelberg, Seminarlehrer Deutsch