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Was macht guten Journalismus bzw. seriöse Berichterstattung aus, insbesondere aus Gebieten, in denen Krieg herrscht? Hierfür bedarf es Menschen, die sich dorthin und somit auch in Gefahr begeben, um authentisch Geschehnisse zu dokumentieren.

Genau dies ist der Job des Bamberger (Kriegs-) Fotografen und Journalisten Till Mayer, der den Schülerinnen und Schülern der Q12 und Q13 und der Klasse 9b im Rahmen der politischen Orientierung aus seinem Berufsalltag berichtete. Die Langzeitfolgen von Konflikten und Kriegen hält Mayer seit vielen Jahren in seinen Fotos und Reportagen fest. Dafür wurde er mehrfach ausgezeichnet. Bei der Tageszeitung „Obermain-Tagblatt“ ist er als Redakteur angestellt. Als freier Fotograf und Journalist arbeitet er für zahlreiche Zeitungen, Nachrichten-Portale und Magazine. Seine Fotos werden weltweit in Ausstellungen gezeigt. Seit 2022 steht der Krieg in der Ukraine im Fokus seiner Arbeit.

Anhand ausdrucksstarker Schwarzweißfotografien von ukrainischen Menschen, deren Leben und Alltag vom Krieg beherrscht wird, zeigte er auf, was seine Arbeit ausmacht. Primär sei es wichtig, als Journalist das Vertrauen der Leute zu gewinnen, so Mayer. „Das funktioniert in der Ukraine oft relativ einfach, da den Menschen sehr daran gelegen ist, dass über sie und vor allem über das Unrecht, das ihnen durch die russische Invasion täglich widerfährt, berichtet wird“, erzählt der Journalist. Seine Arbeit bestehe in erster Linie darin, die Auswirkungen des Krieges auf Personen verschiedenster Alters- und Bevölkerungsgruppen vom Soldaten an der Front bis zum evakuierten Rentner aufzuzeigen. Durch Interviews, die er zusammen mit einem ukrainischen Kollegen führt, der auch als Übersetzer fungiert, entstehen Reportagen, die von großen Tageszeitungen wie der Augsburger Allgemeinen oder der Frankfurter Rundschau gekauft und publiziert werden.

„Die Menschen in Deutschland sollen erfahren, was in der Ukraine passiert“, zitierte Till Mayer die Protagonistin einer seiner Reportagen. Jelena, eine 57jährige Frau, musste mit eigenen Händen ihren Sohn begraben. Kurz vor der Flucht mit seiner Mutter aus einem kleinen Dorf an der Frontlinie in der Nähe von Charkiw wollte ihr Sohn rasch ins Dorf fahren, um noch weitere Menschen mitzunehmen, doch von dieser Fahrt kehrte er nicht mehr nach Hause zurück. Einige Tage später erfuhr Jelena von einem Nachbarn, dass das Auto des jungen Mannes unweit seines Zuhauses von einem russischen Panzer getroffen worden und völlig ausgebrannt war. Sie machte sich selbst auf, den Leichnam zu bergen, und schaffte ihn mühselig auf einem Ziehwagen nach Hause, um ihn in einem Sprengtrichter, den eine Mörsergranate in den Garten gerissen hatte, beizusetzen. Ein selbst zusammengezimmertes Kreuz und ein kleines Rosenstöcklein zierten die Grabstätte, die sie erst am Tag vor dem Interview fertiggestellt hatte.

Geschichten wie diese sind es, die Till Mayer von seinen zahlreichen Reisen in die Ukraine mitbringt und die ihn sehr bewegen. Jeden Monat macht er sich erneut dorthin auf den Weg, um quer durch das Land zu reisen und die Schicksale von Menschen zu dokumentieren, die unter dem Krieg leiden. „Alle sind davon betroffen, nicht nur die direkt an der Frontlinie“, so der Journalist. Ein Großteil der Menschen ist mittlerweile psychisch belastet, was sich in Schlafstörungen oder Depressionen äußere. Zahlreiche Kinder und Jugendliche sind traumatisiert. Die Menschen sind von den ständigen, vor allem nachts ertönenden und über Handyapps angezeigten Alarmen, die vor russischen Angriffen warnen und zum Aufsuchen von Schutzräumen und Bunkern aufrufen, müde. „Stellen Sie sich vor, eine Mutter zweier Kleinkinderlebt im siebten Stock eines Hochhauses. Sie muss ihre Kinder schnappen, um sich in den sicheren Keller zu begeben, aber gerade gibt es keinen Strom und sie muss die Treppen mit ihren Kindern an der Hand im Dunklen bewältigen, und das oft Nacht für Nacht.“ Vor allem die russischen Angriffe auf die Versorgungsinfrastruktur sollen die Menschen mürbe machen, die oft nur wenige Stunden am Tag Strom haben und nicht heizen können und das, wo die winterlichen Temperaturen meist viel niedriger sind als bei uns.

Beeindruckend waren auch die Fragen, die im Anschluss an den Vortrag an den Journalisten herangetragen wurden. Zum Beispiel wollte ein Schüler, der sich bei den eben gesehenen Fotos eher an Aufnahmen beispielsweise aus dem Zweiten Weltkrieg erinnert fühlte und dadurch auch eine gewisse Distanz zum Gezeigten verspürte, wissen, weshalb Mayer fast ausschließlich Fotografien in Schwarzweiß publiziere. Dies ermögliche den Fokus auf das Wesentliche, so der Fotograf. „Wie betreiben Sie Psychohygiene, wie schaffen Sie es, von den Schicksalen der Menschen und den Auswirkungen des Krieges nicht selbst so belastet zu sein?“, lautete eine weitere Frage. Hier zog der Journalist den Vergleich zu einem Arzt auf einer onkologischen Kinderstation, der sich auch von seinem beruflichen Alltag befreien und distanzieren müsse, um dann für seine eigene Familie wieder ausreichend Kraft zu haben. Zudem sei er – im Gegensatz zu den Menschen in der Ukraine – in der luxuriösen Situation, dem Krieg jederzeit den Rücken kehren und wieder nach Bamberg zurückkommen zu können. An dieser Stelle zeigte er sich sichtlich verärgert über die „Jammermentalität“, die in Deutschland weit verbreitet ist, obwohl es uns hier gut gehe, da wir in Sicherheit und Komfort leben können.

Am Ende betont Till Mayer, wie wichtig es sei, an einem Thema über längere Zeit dran zu bleiben, denn nur punktuell zu berichten, entspreche nicht seiner Vorstellung von gutem Journalismus.

Im Anschluss an die Veranstaltung machte sich er sich erneut auf den Weg in die Ukraine.